Wachstumsschmerzen: Wirtschaftskanzleien verstolpern Personalaufbau

In Kanzleien klafft eine riesige Personallücke. Doch statt ihre Arbeitgeberattraktivität zu steigern, verharren viele in Schockstarre, während die 4. Coronawelle heranrollt.

Zurückliegende Umsatzrekorde

Die Befürchtungen zu Beginn der Corona-Pandemie müssen gravierend gewesen sein: Gehälter wurden eingefroren, Neueinstellungen ausgesetzt und teilweise Personal entlassen. Lange währten diese Befürchtungen nicht: Verbucht wurden neue Umsatzrekorde, teilweise im zweistelligen Prozentbereich. Da personelles Wachstum in dieser Periode ausblieb, bedingte dies logischerweise Produktivitätsrekorde.

Fluktuation und verschleppte Neueinstellungen

Mit den Umsätzen nicht Schritt gehalten hat die Beschäftigung: Sie stagnierte im zurückliegenden Geschäftsjahr, obwohl die Umsätze Neueinstellungen ermöglicht, möglicherweise gar erfordert hätten.

Leider veröffentlichen Kanzleien ausschließlich die Zahl ihrer beschäftigten Juristen, nicht jedoch die ihres unterstützenden Personals. Der derzeit ungewöhnlich große Bedarf in diesem Bereich lässt darauf schließen, dass zuvor Personal abgebaut wurde; nicht notwendigerweise durch Entlassungen, sondern indem Abgänge nicht durch Neueinstellungen kompensiert wurden. Es gilt daher, zunächst die leeren Stühle zu besetzen, bevor neue aufstellt werden können.

Insgesamt wurde offensichtlich eine restriktive Personalpolitik verfolgt, das Motto schien zu lauten: „Um Personal bemühen wir uns später“. Das rächt sich jetzt.

Personalaufbau: alle, gleichzeitig, das gleiche

Inzwischen ist Konsens, dass man angesichts steigender Umsätze nicht um Personalwachstum herum kommt: Verglichen mit dem „Vor-Corona-Geschäftsjahr“ 2019 will die Branche nun um über 15 % wachsen – nach der Nullrunde im zurückliegenden Geschäftsjahr ein äußerst ambitioniertes Ziel. Angesichts wachsender Umsätze und Personalmangel ist die Stimmung ambivalent: Personalbudget ist zwar zu genüge vorhanden, allerdings fehlt es an Personal – nicht zuletzt deshalb, weil derzeit alle gleichzeitig das gleiche suchen.

Geringe Attraktivität und 4. Welle

Die Stellenportale von Wirtschaftskanzleien sind derzeit gefüllt wie lange nicht, es fehlt sowohl die Assistenz als auch der Partner. Wenige Kanzleien haben dies früh antizipiert und ihre Gehälter erhöht, um sowohl für die eigene, als auch für die Belegschaft des Wettbewerbs und Absolventen attraktiv zu sein. Einige Wettbewerber, darunter inzwischen der gesamte „magic circle“, sind gefolgt. Nicht wenige zögern noch, in finanzieller Hinsicht wettbewerbsfähiger zu werden. Alternative Maßnahmen bleiben ebenfalls aus, statt Strategie herrscht Schockstarre.

Es hat etwas tragikomisches, wenn zudem ausgerechnet das Personal fehlt, welches das Wachstum organisieren soll: Personaler. Angesichts stagnierender Neueinstellungen im zurückliegenden Jahr verwundert es nicht, dass auch in den Personalabteilungen Abgänge erfolgt sind, auf die man nun angewiesen wäre.

Als wäre die angespannte Wettbewerbssituation nicht schon genug, tritt ein alt bekanntes (Einstellungs-) Hindernis wieder auf den Plan: Corona. Mit zunehmender Inzidenzzahl sinkt die Wechselmotivation.

4 Sofortmaßnahmen gegen Personalmangel

Die negativen Folgen der restriktiven Personalpolitik bei Ausbruch der Corona-Pandemie sind heute deutlich spürbar. Sie sollten als Lehre dienen wie die Arbeitgeberattraktivität gesteigert werden und man die 4. Infektionswelle personell besser durchstehen kann als die erste. Oberste Priorität genießt dabei das Bestandspersonal, denn wer Personal gewinnen will, darf keines verlieren.

  1. Gehälter erhöhen: Nach einigen Pionieren hat inzwischen auch der „magic circle“ die Gehälter erhöht. Es gilt nun zu folgen, um nicht abgehängt zu werden.
  2. Überlastung verhindern: Es ist kontraproduktiv, das Bestandspersonal zu verschleißen, egal wie verlockend die Mandatslage ist und erst recht, wenn man auf Neueinstellungen angewiesen ist.
  3. Individuelle und innovative Angebote schnüren: Seit Jahren sinkt die Relevanz hoher Gehälter zugunsten einer guten Ausbildung, der Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben und von Karrieremöglichkeiten.
  4. In Unterstützung investieren: Wer an unterstützendem Personal spart, setzt eine Fluktuationsspirale in Gang, die der Produktivität langfristig schadet.

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