Falscher Lebenslauf: Systematik, Strategien und Psychologie des Täuschens

Annalena Baerbock hat in ihrem Lebenslauf einige „unpräzise“ Angaben gemacht. Doch nicht nur Bewerberinnen für das Kanzleramt machen in ihren Lebensläufen fragwürdige Angaben, das Phänomen ist verbreitet. Erfolgen solche Angaben absichtlich und falls ja: welche Strategien zum Täuschen gibt es? Was sagt diese Täuschung über die Persönlichkeit aus und wie wirkt sie sich auf das Arbeitsverhältnis aus?

Versehen oder Absicht?

Ob in einem Lebenslauf versehentlich täuschende Angaben gemacht oder bewusst getäuscht wurde, ist hinsichtlich der Konsequenzen sowohl für den Bewerber bzw. Arbeitnehmer als auch für den Arbeitgeber von Bedeutung. Das Weglassen mancher Informationen, beispielsweise den Wechsel des Studienfachs, könnte man noch als Nachlässigkeit bezeichnen, wohingegen etwa die Angabe nicht vorhandener Erfahrung bewusst erfolgen muss. Wie häufig bewusst getäuscht wird, ist gut erforscht: So gab 1/3 der Bewerber für eine Stelle als Elektriker an, über die in der Stellenanzeige erwünschte Erfahrung mit „Sontag-Verbindern“ zu verfügen. Das Problem: Sontag-Verbinder gibt es gar nicht.

Strategien und Maßnahmen des Täuschens

Die Möglichkeiten, wie und an welchen Stellen man falsche Angaben machen kann, sind unbegrenzt, die Phantasie kennt bekanntermaßen keine Grenzen. Dennoch lassen sich hinter konkreten Täuschungsmaßnahmen drei Strategien erkennen:

Die offensichtlichste Strategie ist die Erfindung (fabrication) von falschen Angaben. Was leicht zu durchschauenden Maßnahmen erwarten lässt, kann in der Praxis dennoch schwierig aufzudecken sein: ob man beispielsweise ein bestimmtes Mandat bearbeitet hat, können ausschließlich die an diesem beteiligten Parteien verifizieren.

Noch schwieriger zu durchschauen ist die Strategie der Weglassung (omission): bereitet man sich beispielsweise vergeblich auf das Steuerberaterexamen vor, könnte man die Vorbereitungszeit unterschlagen. Misserfolge lassen sich somit kaschieren.

Eine Mischform der zuvor genannten Strategien ist die Schönfärberei (embellishment): Annalena Baerbock bezeichnet sich z. B. als Völkerrechtlerin, an einer entsprechenden Dissertation mag sie zwar geschrieben haben, abgeschlossen hat sie diese jedoch nie. Sich angesichts eines einjährigen Studiums in „International Public Law“ ohne jede weitere juristische Qualifikation dennoch Völkerrechtlerin zu nennen, ist zwar nicht gänzlich falsch, lässt jedoch mehr Erfahrung erwarten als wahrscheinlich vorhanden ist.

Psychologie und Einfluss der Persönlichkeit

Die Psychologie kennt ein Persönlichkeitsmerkmal, welches sich durch List, Skrupellosigkeit, Opportunismus und Täuschung auszeichnet. Personen, in denen dieses Merkmal besonders ausgeprägt ist, versuchen, ihre Ziele durch Manipulation anderer zu erreichen und tendieren dazu, mit bzw. in ihren Lebensläufen zu täuschen. In Anlehnung an die historische Person wird diese Persönlichkeitseigenschaft als Machiavellismus bezeichnet.

Gegenteilig wirkt sich eine positive moralische Identität aus: Personen, deren Selbstkonzept auf Fürsorge, Mitgefühl, Freundlichkeit, Großzügigkeit, Hilfsbereitschaft, Fleiß und Aufrichtigkeit aufbaut, täuschen weniger.

Das Geschlecht spielt hingegen kaum eine Rolle: Männer und Frauen täuschen sehr ähnlich.

Auswirkungen auf das Arbeitsverhältnis

Ein Arbeitsverhältnis (§§ 611 ff. BGB), sollte idealtypisch ein Vertrauensverhältnis sein, welches unter falschen Angaben leidet. Abhängig von den Auswirkungen der falschen Angaben könnte ein Arbeitgeber gewillt sein, das Arbeitsverhältnis zu beenden. Das Zivilrecht kennt mit der arglistigen Täuschung (§ 123 BGB) eine Norm, die mit der „Täuschung durch positives Tun“ die Erfindung und mit der „Täuschung durch Unterlassung“ die Weglassung und damit zwei Täuschungsstrategien umfasst. Neben dieser Anfechtung steht dem Arbeitgeber die Kündigung (§ 622 BGB) offen, die „aus wichtigem Grund“ auch fristlos erfolgen kann (§ 626 BGB).

Im Unternehmen wirken sich falsche Angaben am gravierendsten auf die Leistung aus: wer im Lebenslauf täuscht, erbringt generell weniger Leistung, unabhängig vom konkreten Qualifikationsdefizit. Letzteres ließe sich u. U. zwar durch Nachqualifizierung beheben, in diesem Fall werden neben dem entgangenen Gewinn allerdings zusätzliche (Opportunitäts-) Kosten fällig.

Am Arbeitsplatz zeigen Lebenslaufbetrüger weiteres Fehlverhalten: Diebstahl und Streits sind die Folge.

Andererseits könnte der Arbeitgeber von einem „Täuschungstalent“ profitieren: Ein Arbeitnehmer, der sich mittels Schönfärberei selbst erfolgreich vermarktet hat, kann möglicherweise auch die angebotenen Produkte und Dienstleistungen in einem helleren Licht erscheinen lassen…

Quellen

Der Artikel beruht überwiegend auf Assessing Intentional Resume Deception: Development and Nomological Network of a Resume Fraud Measure

https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/machiavellismus

https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/moralpsychologie

https://www.focus.de/politik/falsche-angaben-zu-mitgliedschaften-journalist-enthuellt-falsche-angaben-in-baerbocks-lebenslauf_id_13366073.html

https://www.focus.de/politik/deutschland/bundestagswahl/kanzlerkandidatin-der-gruenen-voelkerrechtlerin-oder-nicht_id_13304784.html

https://www.gruene.de/leute/annalena-baerbock

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